Ich und meine* Orthopäden

Meine Einbildung war größer als meine Kraft, ich hab mich übernommen und beim Hanteltraining verhoben. Es zwickt im Oberschenkel, im Unterschenkel, im Zeh und auch am Po. Ein Gang zum Orthopäden steht an. Eine Odyssee durch Berliner Praxen.

Der mündige Patient wird zwar gerne in einschlägigen und allgemeinen Gazetten zitiert, in der Praxis ist er oder sie nicht wirklich erwünscht (haben die Ärzte zu sehr Angst, die Kranken wüssten mehr als sie?). Ich habe zu viel gehantelt, beim Training vielleicht nicht richtig zugehört, mich verhoben, was auch immer: Es ziept im Zeh,  zwickt in der Wade, der Muskel vorne im Oberschenkel ist hart, seine Verbindung an der Hüfte schmerzt und im Hintern fühlt es sich auch nicht gut an.

Einen Termin in der orthopädischen Praxis zu bekommen dauert seine Zeit: nächste Woche oder übernächste. Den Termin dann wahrnehmen zu können braucht ebenfalls Zeit. Je nach Praxis lautet die Ansage „einen kleinen Moment“ (etwas 30 Minuten), „eine knappe Stunde müssen Sie schon rechnen“, „Oh, das kann ich nicht sagen, wie lange das dauert, wir haben so viele Notfälle.“ Auf die sehr freundlich geäußerte Frage, warum ich dann einen Termin brauche, erfolgt in der Regel eine der flapsig-rüpelige Antworten: „Dit weeß ick ooch nicht.“ „Denn müssense halt woanders hinjehen“ oder „Woanders isses ooch nich besser.“

Frau Doktor kommt gleich

Das Wartezimmer ist ein langer schmaler Schlauch ohne Fenster. Drei Mädels am Empfang kommunizieren mit Computer und Headset, auch wenn sie mit den Patienten sprechen, die vor ihnen stehen. Über einen scheppernden Lautsprecher wird man in eins der vier Behandlungszimmer gerufen, deren Türen einladend geschlossen sind. Ein freundlicher Empfang, über den Patienten sich ja auch freuen und der ihnen möglicherweise gewisse Ängste nehmen würde, ist wahrscheinlich eh völlig überbewertet.

Die Frau, die früher „Schwester“ genannt wurde und heute, glaube ich, Facharzthelferin heißt, diese Frau fragt meine Beschwerden ab und tippt sie gleich in den Computer ein. Blickkontakt? Überflüssig.

„Frau Doktor kommt gleich“, ruft sie mir beim Rausgehen über die Schulter zu. Dass die Zeit in Arztpraxen anders läuft, wissen vermutlich alle, die sich an diesen Orten aufhalten. „Gleich“ umfasst eine Spanne zwischen … fünf und 15 Minuten. Wenn es schnell geht. Freundlicherweise muss ich mich  nicht ausziehen und in Hemd und Höschen warten.
Frau Doktor kommt, untersucht und diktiert ihrer Helferin einen Schwall lateinischer Ausdrücke. Patella hier, Skoliose da, ein Hauch von Prolaps dort, den Rest hat mein Gehirn als Spam gelöscht.

„Stellen Sie sich mal gerade hin. Beugen Sie sich vor, und wieder hoch, nach links, nach rechts. Tut was weh?“ Nicht mehr und nichts anderes als vorher. „Sie haben eine leichte Hüftdysplasie, ich verschreibe Ihnen mal Einlagen. Dann wird es besser.“ Danke und tschüss. Ich hab mir noch nicht wieder die Schnürsenkel zugebunden, als die Ärztin schon raus ist.

„Hier im Haus ist gleich nebenan eine Orthopädiepraxis, die machen auch Einlagen“, zwitschert mir die Helferin der Helferin zu.

Es wird sich herausstellen, dass dieses orthopädische Fachgeschäft seine Einlagen ganz schön teuer verkauft und für die Herstellung doppelt so lange braucht wie das Fachgeschäft drei Straßen weiter.

Ich schreib Ihnen mal ’ne Überweisung

Ich habe die verordneten Einlagen drei Wochen getragen. Rücken, Hüfte, Oberschenkel, Wade – alles tut weh, bloß die Füße nicht. Also wieder in die Praxis. Dieselbe Praxis, dieselbe Ärztin.

„Das könnte ein Bandscheibenvorfall sein. Da müssen Sie einen MRT-Termin vereinbaren, danach sehen wir weiter.“ Natürlich kann man MRT nicht in dieser Praxis machen, dazu muss ich woanders einen neuen Termin vereinbaren.

Aus der Nachfrage in drei verschiedenen Praxen ergibt sich eine durchschnittliche Wartezeit von sechs Wochen. Dann ist das Quartal natürlich um, ich brauche erst eine neue Überweisung. Nein, ein MRT will ich nicht.

Macht es den Eindruck, ich sei eine nickelige, besserwisserische Patientin? Mag sein. Ich höre lieber auf meinen Körper, dem so gar nicht nach Bandscheibenvorfall ist. Und natürlich erkundige ich mich bei echten Menschen, wie sich ein Bandscheibenvorfall anfühlt. Solche Symptome, wie ich sie habe, hatte niemand.
Physiotherapeutinnen meines Vertrauens tippen auf die Verschiebung des Iliosacralgelenks. Das ist das Kreuz-Darmbein-Gelenk, salopp gesagt die Verbindung zwischen dem unteren Ende der Wirbelsäule und den Hüftgelenken. Sowas würde ich gerne mal vom Facharzt hören.

Kleinen Moment noch

Vorausgegangen sind einige Telefonate, um einen Termin zu bekommen: „Wenn Sie was Akutes haben, gehen Sie zur Notaufnahme, wir können auch für die kommende Woche keinen Termin geben, da müssen Sie ganz viel Wartezeit mitbringen.“ Gibt es so wenig Orthopäden in Berlin? Oder stimmt was mit der Organisation nicht?

In einer Praxis wurden Termine bereits für acht Uhr vergeben, obwohl der Arzt erst um halb neun mit der Arbeit anfing. Da wundert es nicht, wenn sich jeder Termin verschiebt, oder?

In dieser Praxis, einem orthopädischen Gemeinschaftszentrum,  habe ich den Termin per E-Mail beantragt. Zwei Tage später kommt der Anruf: „Dienstag in einer Woche um halb neun.“
Die Praxis macht um acht auf, ich bin eine Viertelstunde vor meinem Termin, also eine Viertelstunde nach Praxisöffnung, da. 13 Leute im Wartezimmer. Nein, den Termin könne man nicht halten. Am Morgen sei was mit Computern gewesen, deswegen sei man im Verzug. Wie lange ich warten müsse, könne sie mir nicht sagen. „Das machen die Kollegen hinten.“ Ob ich denn zur Arbeit müsse. Natürlich.

Wie in jeder Praxis müssen Neupatienten auch hier Fragebögen ausfüllen. Einer der Zettel informiert, dass man medizinische Befunde automatisch versenden werde. „Wir versichern Ihnen, dass nur befugte Personen Zugriff auf das Faxgerät haben und dass Ihre Daten vertraulich behandelt werden. Mit Ihrer Unterschrift erteilen Sie uns dafür Ihr Einverständnis.“ Nö. Was ist mit E-Mail? Medizinische Daten? Unverschlüsselt?

Ich werde warten müssen. Wie lange? „Das können nur die Kollegen hinten sagen.“ Zu denen haben wir Patienten erstmal keinen Zugang.

Meine Daten sind für alle da

Und so hocke ich weiter im Wartezimmer. Es hat das Ambiente des Kfz-Amtes in Lichtenberg: Die Stühle sind hart und miteinander verschweißt. Schnäppchen aus dem Eisenwarenlager. Wenn der junge Mann zu meiner Linken mit dem Bein hibbelt, hüpfe ich mit auf und ab.

Über uns ballert ein stimmloser Fernseher seine knallbunten Werbebotschaften von der Kanzel. Und niemand, ob mit oder ohne Buch, kann sich ihm entziehen. Was willst du machen, wenn du aus den Augenwinkeln permanente Bewegungen mitbekommst? Genau, du guckst hin. Und weg. Und hin und …

Wir sind inzwischen 20 Menschen, die  hier ihre Zeit absitzen, werden zur unfreiwilligen Mithörern, wenn sich eine neu hinzugekommene Frau  sich  am Empfangstresen outen muss. Alter! Größe! Krankheiten!

Nun weiß ich, dass Frau Z. 1,52 groß ist, 1999 Krebs hatte, keine Zusatzversicherung besitzt, und wenn ich gewollt hätte, wüsste ich auch ihre Adresse und Telefonnummer. So viel zum Thema Diskretion.

Fallstudien am Fließband

Nach 40 Minuten Wartezeit werde ich in einen grauweiß-gefliesten, aseptisch wirkenden Behandlungsraum beordert. Zwei Frauen in grünen Oberteilen stehen im Flur „Frau K.“ Regungslos, ohne eine Miene zu verziehen. Kein weiteres Wort,  keine Frage. Nichts. Tür zu.  Vermutlich die Kollegen von hinten. Wie fühlen sich empfindsame Naturen hier? Ich kann ja immer noch so tun, als würde ich recherchieren. Mein Reflex: so schnell wie möglich raus hier. Ich bin nur eine Nummer, ein Fall.

9.15 Uhr. Dr. S., der sich erst nach dem dritten Satz namentlich vorstellt, grüßt ohne Handschlag. „Welche Beschwerden haben Sie?“ Vorbeugen, rückbeugen, tut es hier weh?“ „Aua, ja“. Die Diagnose gefällt mir, weil sie alle meine genannten Symptome aufgreift: Dysfunktion des Ilio-sacral-Gelenks nach einer falschen Bewegung. „Sechs Behandlungen bei der manuellen Therapie und dann wiederkommen.“ Alles andere sei erstmal nicht nötig. Und weg ist er.
9.21 Uhr. Schon wieder draußen. Wie sah der Arzt noch mal aus? Keine Zeit, mir sein Gesicht zu merken. Auf der Straße würde ich ihn nicht erkennen, und er mich vermutlich auch nicht.
Bei den Damen in grün muss ich noch einen Zettel unterschreiben, dass ich zu nichts gezwungen wurde und freie Therapeuten- und Praxiswahl habe.

Zeit ist Geld

Die manuelle Therapie beginnt zu helfen, bedarf aber einer Verlängerung. Arzttermin in anderthalb Wochen. Wartezeit mit Termin anderthalb Stunden. Dr. S. und ich in einem Raum: gefühlte anderthalb Minuten (in echt waren es drei Minuten. Die Zeit reicht, um eine Folgeverordnung zu schreiben. Ich bin sprachlos, habe aber ein Rezept.)

Geld is alle

Dank meiner guten Krankentherapeutin (und zwei Wochen Schiffsurlaub) geht es meinem Bein ganz schön gut. Jetzt noch einmal Physio, und ich wäre wieder fit. Anruf beim Orthopäden, um einen Termin auszumachen.

Ich komme zum vereinbarten Zeitpunkt, gebe meine Versicherungskarte ab und darf Platz nehmen. Nach fünf Minuten erklingt der Ruf – zum Empfangstresen: „Der Doktor kann Sie erst ab 14 Uhr behandeln.“
„Bitte? ich habe doch für halb eins einen Termin.“
„Ja, der steht hier aber nicht drin.“
„???Ich kann jetzt nicht eineinhalb Stunden warten.“
„Klein‘ Moment, dann guck ich mal.“
Aaarrgghh.

Aber ich habe Glück, sie guckt und der Assistenzarzt erklärt sich bereit, nachdem er zu Ende gegessen hat, mich vorzulassen.
Ein schmächtiges Kerlchen, spindeldürr, er dürfte die 30 gerade mal erreicht haben. Freundlich gibt er mir einen weichen, ungriffigen Händedruck, fragt nach den Symptomen, und ich erkläre begeistert, dass die manuelle Therapie geholfen habe, auch wenn die Schmerzen im Oberschenkel noch da seien. Vorbeugen, Rückbeugen,  rechts,  links.

„Machen Sie Sport?“
„Einmal in der Woche Yoga, zwei Mal Rückenkurs, Ausdauer- und Krafttraining im Fitnessstudio.“
„Ah ja, gut. Dann verschreibe ich ihnen krankengymnastische Übungen.“
„Ist es möglich, die manuelle Therapie zu verschreiben, die hat gut geholfen, und Rückenübungen mache ich ja viel in meinen Kursen.“
„Ich verschreibe Ihnen Krankengymnastik.“

Er zerreißt das MT-Rezept, dass die Helferin schon ausgedruckt hatte. Habe ich zu leise gefragt oder genuschelt? Er geht wortlos raus, kommt nach zwei Minuten wieder.

„Ich verschreibe Ihnen Krankengymnastik.“ Pause. „Das hat auch Dr. S. gesagt.“ Pause. „Nicht, dass Sie denken, dass ich der Böse bin. Wir dürfen keine Einzeltherapie mehr verschreiben.“
„Ach. Heißt das, Sie verschreiben jetzt nicht das, was hilft, sondern irgendwas anderes, wofür es noch ein Budget gibt?“
„Ja, so in der Art.“

Ich schnappe zurück: „Dann kann man es doch auch gleich lassen mit der Rezeptur.“
„Wollen Sie jetzt das Rezept oder nicht?“

Ja. Will ich. Und werde später mit meiner Physiotherapeutin das aushandeln, was hilft.

Was ist denn das für eine Medizin? Aus betriebswirtschaftlichen Gründen wird nicht mehr das verschrieben, was hilft, sondern das, was gerade noch im Angebot ist? Ich habe es gut, ich habe nur kleine Zipperlein. Was ist mit denen, denen es schlecht geht. Kriegen die auch nur noch Verschreibungen vom Grabbeltisch?

Wer lässt sich so einen Scheiß einfallen? Es geht darum zu heilen und nicht den Controllern heile Bilanzen zu verschaffen.