Wissenswert…e [4]: Wirtschaft als Wissenschaft

Vier Männer auf einem Podium vor nur unwesentlich mehr Publikum. Sie alle kommen aus den Wirtschaftswissenschaften und widerlegen fast vollständig meine Vorurteile gegenüber dieser Berufsgruppe.

Mehrheitlich stehen sie ihrer Wissenschaft insofern kritisch gegenüber, als dass sie es wichtig finden, sie, die Wissenschaft mitsamt ihren Methoden, ihrer Methodologie kontinuierlich zu hinterfragen.

Wie viele Modelle, wie viel Mathematik brauche die wirtschaftspolitisch relevante Ökonomik, fragt beispielsweise Nils Goldschmidt. Mathematik diene doch dazu, Ökonomie als naturwissenschaftlich-mathematisches Modell abzubilden und quantitativ zu begreifen. Hier herrsche mechanisches Denken, das mit der Realität wenig zu tun habe. Die Disziplin habe sich seit 250 Jahren nicht wirklich weiterentwickelt und das wirtschaftliche und kulturelle Setting nicht genügend berücksichtigt.

Man müsse sich fragen, wie sich die Geschichte der einzelnen (wirtschafts)wissenschaftlichen Disziplinen entwickelt habe und den gesellschaftlichen Kontext kennen, in dem sie entwickelt worden sein, man müsse das Zustandekommen der einzelnen Prozesse verstehen wollen. Die Ordnungsökonomik sei ein gesellschaftstheoretisch unabdingbares Komplement zum wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream. Gesellschaftliches und wirtschaftswissenschaftliches Denken müssten verknüpft werden.

Es war ein Leichtes, ihm zuzuhören, er war strukturiert, die Präsentation seiner fünf Thesen war schlicht, er sprach klar und nachvollziehbar.

Wie schwierig es ist, einer schlechten Präsentation (falsche Farben, Rechtschreibfehler und viel zu viel auf einer Folie) zu folgen, die in nuscheliger Sprache zu schnell gesprochen abgelesen wird, machte sein Nachfolger deutlich. Erst zum Schluss wurde für mich klar, dass er den Modellen, die er in aller Ausführlichkeit von Adam Smith bis zur Kausalitätstheorie von Tinbergen u.a. vorgestellt hatte, nicht vorbehaltslos folgte.

Es gebe zwar fundiertes Wissen über ökonomische Vorgänge, aber nur, wenn alle Bedingungen so stattfänden wie festgelegt. Das heißt, und genau so formulierte er es: die Ökonomie hat keine Vorhersagemöglichkeiten. Bestehendes Wissen basiert nur auf bestehenden Situationen.

Zusammengefasst scheinen Wirtschaftswissenschaften aus was-wäre-wenn-Annahmen zu bestehen, die wenig mit der gesellschaftlichen Realität zu tun haben, nichsdestotrotz aber die Grundlage politischer Beratungen sind.

Außerordentlich interessant fand ich auch die Ausführungen von Stefan Bergheim vom Fortschrittszentrum. Er stellte die These auf, die WW arbeiten mit dem WVM, dem weit verbreitesten Modell, das sich durch klare Aussagen, schöne Formalisierungen und wenig Realität auszeichne – sozusagen der Mr. Spock der Wirtschaftswissenschaften (wissenschaftlich reproduzierbare Hypothesenbestätigung). Die Menschen allerdings orientieren sich seiner Meinung nach aber an Homer Simpson.

Menschen seien nun mal keine Modelle, sondern machten (gruppen) individuelle Fehler. Es gebe asymmetrische Informationen, d.h. einer weiß mehr als der andere, jeder treffe andere Entscheidungen. Psychologie treffe auf Ökonomie.

Hinzu komme, dass wirtschaftliche [wie wahrscheinlich auch jede andere wissenschaftliche] Forschung mit ihren Ergebnissen und ihren Forscher Rankings unterliege. Publikumsrankings hätten inzwischen eine enorme Bedeutung. Das führe zu

  • engen Spezialgebieten mit eigener  Sprache
  • Wegfall von Minderheitenmeinungen und Querverknüpfungen
  • Themenwahl nicht nach Relevanz, sondern Karrieremöglichkeiten
[auch das scheint mir kein neues Phänomen. Aber jede Generation erlebt es ja zum ersten Mal] Neu ist auch nicht,
dass Statistik und Korrelationen systemimmanente Fallen stellen – traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast]

Für die WW in Deutschland sei es schwierig, sich außerhalb des Mainstreams zu positionieren. Es gehe um Absicherung und nicht auffallen wollen.

Zukunft sei nicht prognostizierbar, solange Menschen dabei seien. Man könne sich nur auf unterschiedliche Zukünfte (futures) vorbereiten.

[ … durch multikausale Wenn-dann-Modelle?]

Prognosen seien nur im Zusammenhang mit Konditionalität und Risiko zu sehen. Das heißt, worauf basieren die Aussagen, auf welchen Annahmen beruhen sie, welche sind die Risiken. Das seien auch wichtige Fragen für die Journalist/innen, die nach innen und außen präzise sein sollten.

Aufforderung an Journalist/innen,

… herauszufinden, was ist die Standardmeinung ist, wo der Interviewte herkommt, wo die Gelder  herkommen

… die Modelle und Entwicklung verstehen zu wollen

… in Gesprächen diese verbal-argumentativen Strategien einzusetzen, wenn Politiker z.B. Resultate wollen.

… deterministische Aussagen und auch weit verbreitete Modelle immer hinterfragen

… neue Erkenntnisse breiter und sichtbarer kommunizieren

… Ökonomen mehr in die Pflicht nehmen, vor allem generationsbedingte ökonomische Aussagen hinterfragen

… offensiver Begründungen von normativen Aussagen einfordern

[Es ist also nicht schlimm,wenn man keinen Plan hat,
weil so viel passieren kann, was wir noch nicht wissen –
was uns unsere Pläne umschmeißen würde]
[Was früher interdisziplinär genannt wurde, heißt heute – je nach Genre – crossdisziplinär oder crossmedial]

Stichworte

[Makromodelle  | Politiksimulation | neoklassische Synthese | neokeynesianisch |  behavior finance | Postautisten | Heterodoxe | toxic textbooks]

Literaturempfehlungen

Animal Spirits (die Autoren sollen DIE Krise bereits vor zehn Jahren prognostiziert haben)

Nudge (Richard Thaler)

Die unsichtbare Hand (Adam Smith)

Expert Political Judgment (Philip Tetlock hat 20 Jahre wirtschaftswissenschaftliche Prognosen gesammelt und stellt die Theorie vom Fuchs,der viele kleine Dinge weiß, und dem Igel, der nur eine große Sache kann, auf)

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