ADVENT KURZETEXTE

12 // Glaube, Liebe, Hoffnung

Foto: Geralt/Pexels

Gerrit war müde. Er spürte wieder das Stechen in seinen Eingeweiden. Inzwischen hatte er diese Schmerzen mehrmals am Tag. Ihm war klar, dass der Krebs ihn nicht mehr in Ruhe lassen würde. Er seufzte lautlos und versuchte sich nichts anmerken zu lassen,

Ella blickte vom Kartoffelschälen auf und hinüber zu ihrem Mann, der zusammengesunken am Küchentisch saß. Schlecht sah er aus, dieser einst si stattliche Mann, schütter gewordenes haar, die Haut voller Falten. Kleiner schien er geworden zu sein. Nur die Augenbrauen; Nase und Ohren schienen immer weiter zu wachsen.

Unwillkürlich griff sie sich an ihre Nase. Nein, die war noch genauso klein und gerade wie gestern.

„Gerritt“, was ist los?“ Sie legte das Schälmesser zur Seite und setze sich zu ihrem mann. „Erzähl es mir. Bitte. Sprich mit mir.“ Behutsam strich sie ihm über die Wange und rückte sein Halstuch zurecht. Es rührte sie, dass er es immer noch trug. Vor vielen jahren hatte sie es in einem kleinen Laden in Ebeltoft entdeckt. Es war einer ihrer ersten gemeinsamen Urlaube gewesen. An einem regnerischen Novembertag waren sie durch die Altstadt des kleinen Örtchens geschlendert, auf der Suche nach einem aufwärmenden Kaffee.

„Hyggelig irgendwas“ hatte auf dem Schild der Boutique gestanden, erinnerte sich Ella dunkel. Dort hatte sie für sich Stulpen und für Gerritt das Halstuch gekauft. Weil es so gut zu seiner Augenfarbe passte. Eigentlich war es gar kein Tuch, sondern mehr ein schlauchartiger Schal. Nur knapp hatte Gerritt ihn über den Kopf ziehen können, hatte ihn erst wie eine Mütze getragen, das hatte schon etwas bescheuert ausgesehen. Lachend hatten sie Arm in Arm den Laden verlassen.

Ihre Hand blieb auf dem weichen Stoff liegen. „Gerritt“, flüsterte sie“, wir schaffen das.“

Foto: Geralt/Pexels

(nach einer Idee von Christine Kämmer / Adventskalenderschreiben)