ADVENT KURZETEXTE

2 // Hanno und Janko

Hanno schaute sich ratlos um. Warum zum Teufel hatte Janko sein Jacket an die Wand gehängt – und was sollte das Button-down-Hemd in diesem dümmlichen Erdbeerrosa.

Normalerweise litt sein mann nicht an modischer Geschmacksverirrung. Aber diese Polohemden in schlammbraun, schimmelblau und kurkumagelb waren das Allerletzte. Wo hatte Janko diese Klamotten her und warum lagen sie in ihrem Schlafzimmer auf der Kommode?

Kopfschüttelnd richtete Hannes die einzelnen Kleidungsstücke im 45-Grad-Winkel zueinander und im 90-Grad-Winkel zur Wand.

Er überlegte, wann Janko heute Morgen nach Hause gekommen war. Er hatte doch Nachtdienst gehabt. Oder nicht? Hanno erinnert sich nur schwach. War er selbst doch auf dem Sofa eingenickt vor einem dieser unsäglichen Weihnachtsfilme. Eine halbe Flasche schwerer Rotwein und diese hinreißende Schweizer Schokolade hatten ihren teil zum Versacken beigetragen.

Wie hatte dieser Film noch gleich geheißen? Love is not a game? Nein, irgendwie anders.

Ungläubig wanderte sein Blick zu dem Bild, das vor der Kommode stand.

„Warum hängst du nicht mehr an der Ewand, Liebelein?“ sprach er es lautlos an.

„JANKO! Bist du da? Hast du den Warhol abgenommen? JANKO?“

Hannes lauschte. Kein Laut nirgends.

„Janko? Janko, schläfst du noch?“

Hannes erhob sich mühsam vom Bett, in das er kurz nach Mitternacht ziemlich benommen gefallen war. Mit schleppenden Schritten und beginnenden Rückenschmerzen ging er Richtung Wohnzimmer, dreht sich noch einmal kopfschüttelnd zur Kommode um. Das erdbeerfarbene Hemd war nicht Jankos Hemd. Niemals.

Foto: Clark Street Mercantile/Unsplash (bearbeitet von KS)

(nach einer Idee von Christine Kämmer / Adventskalenderschreiben)