ADVENT KURZETEXTE

21 // Aus aller Welt

Foto: Maximilian Hofer/Unsplash

„Das ist ein Volksempfänger“, hatte mir mein Opa erklärt, als ich vor dem knisternden und rauschenden Kasten in seinem Arbeitszimmer stand. „Damit kann man Nachrichten aus aller Welt hören.“

Jeden Samstag um 18 Uhr saß er in seinem roten Ohrensessel vor dem Radio im Arbeitszimmer, ein Glas Wein neben sich, eine Zigarette in der Hand.

War ich zu Besuch bei den Großeltern, dufte ich neben ihm sitzen und – „aber du bist mucksmäuschenstill!“ – mithören.

Besonders aufmerksam hörte mein Großvater dem Seefunk zu. Das war eine Sendung von Seeleuten aus aller Welt, die über eine Radiostation in Ostfriesland, ihre Familien zu Hause grüßten.

Mein Großvater hatte Freunde aus seiner Zeit bei der Marine, die immer noch zur See fuhren. Manchmal waren die Seeleute Monate unterwegs ohne einen Hafen anlaufen zu können oder einen Brief zu schicken. Doch über das Radio konnten Grüße in beide Richtungen verschickt werden.

Im Winter 1968, es war kurz vor Weihnachten, saß ich wieder einmal bei meinem Großvater, der aufmerksam den Nachrichten lauschte. Ich begann, mich zu langweilen, denn ich kannte keinen der vorgelesenen Absender.

„Heinz Huser aus Papua-Neuguinea grüßt seinen Freund Gustav Niggemann in Brügge in Westfalen und wünscht ihm und seiner Familie frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr“, klang es auf einmal scheppernd aus dem Lautsprecher. „Opa, Opa hast du gehört. Die haben deinen Namen genannt!“ Aufgeregt schaute ich zu meinem Großvater. Mit einem leichten Lächeln wischte er sich eine Träne von der Wange. Er nahm einen Schluck Rotwein und hob das Glas Richtung Radio: „Danke, mein Lieber. Hab Dank.“

Dann drehte er sich zu mir: „Siehst du, mein Mädchen, Freunde bleibt man sein Leben lang, auch wenn die sieben Meere zwischen einem liegen.“

Foto: Maximilian Hofer/Unsplash
(10-Minuten-Geschichten nach einer Idee von Christine Kämmer / Adventskalenderschreiben)