ADVENT KURZETEXTE

20 // Vergeben

Foto: Yi Wei/Unsplash

Maja wartete. Stand schweigend unter der Platane an der Kreuzung. Hier wollte Jojo sie abholen.

„Sei um 12 an der Platane. Du weißt doch, an der Ecke unter Fußgängerbrücke. Da kann ich halten.“ Dann hatte Jojo aufgelegt.

Maja hatte ihre Sporttasche genommen, den Rucksack und eine Plastiktüte. Es würde ganz normal aussehen, wenn sie damit die Wohnung verließ. Sie hatte nur wenig eingepackt: eine Jeans, zwei T-Shirts, den neuen BH, ein Paar Socken, ihren dicken Pullover mit den zu langen Ärmeln. Obendrauf hatte sie die blaue Sporthose und die Sneakers gelegt, die sie immer im Fitnessstudio anzog. Im Rucksack hatte sie ihren Personalausweis ganz zu unterst gelegt. Darauf ein Schreibheft, das sie als Tagebuch nutzen wollte, zwei Stifte und einen Krimi. Die Plastiktüte hatte sie in die kleine Seitentasche gestopft.

Sie hatte auf Geräusche in der Wohnung gelauscht. Da war nur das Schnarchen im Wohnzimmer und der Kühlschrank hatte wie immer alle paar Minuten leise geklappert.

Ganz leise und bedächtig hatte sie ihren Rucksack aufgesetzt, die Sporttasche und ihre Alltagsschuhe genommen und die Wohnung verlassen. Ihre Schlüssel hatte sie auf dem Bett liegen gelassen.

Wie immer war sie die drei Stockwerke zu Fuß nach unten gegangen, hatte in der zweiten Etage wie immer Frau Aschinger zugenickt und weiter auf ungewohnte Geräusche geachtet.

Auf der Straße hatte sie sich bis zur Bushaltestelle nah der Hauswände gehalten. Von oben hatte man sie so nicht sehen können. Mit jedem Kilometer, den der Bus zurücklegte, hatte sie sich freier gefühlt. Gleich würde sie die Stadt verlassen haben.

Die Kirchturmuhr läutete vier Mal für die volle Stunde und ein weiteres Mal, um einUhr anzuzeigen. Maja stand schweigend unter der Platane und wartete.

Foto: Yi Wei/Unsplash
(10-Minuten-Geschichten nach einer Idee von Christine Kämmer / Adventskalenderschreiben)