ADVENT KURZETEXTE

10 // Gitti, Gold und Glitzer

Foto: Deiji/Pexels

„Ach, du liebe Göttin, was für ein Kitsch!“ Gitti schaute entgeistert zu den Rängen und Separées hoch, zu den samtroten Vorhängen, den goldenen Verzierungen und den kleinen Kristalllüstern, die in kurzen Abständen an der Balustrade befestigt waren.

Sie schlenderte den Gang hinunter Richtung Bühne. Die Sohlen ihrer schweren Stiefeln quietschten über den Parkettboden, der seit mehr als 100 Jahren nicht nur die Tritte der Premierbesucher:innen weitgehend schadlos überstanden hatte.

Mit der Hand strich sie leicht über die Leinentapeten, die den denselben verblichenen Rotton wie die Samtvorhänge zeigten.

„Na ja, schon ziemlich kitschig, aber irgendwie auch ganz schön“. Sie zog den herben geruch ein, der so typisch für Theaterhäuser war: eine Leichte Kopfnote pudriger Parfüms, der etwas schwererer Duft nach Bohnerwachs und Parkettpflege, im Abgang die leichte Modrigkeit alter Gebäude.

Gitti liebte dieses olfaktorische Zusammenspiel von Gegensätzen, auch wenn sie seit jahrzehnten nur noch in modernen Bauten aufgetreten war. Die waren so puristisch mit ihrer klarer Architektur, der minimalistischen Inneneinrichtung, staub- und hallfrei, fast schon krankenhaussteril.

Nur in solchen Räumen, hatte sie bisher gedacht, konnte sie sich tänzerisch ausdrücken. Unbeeinflusst von Troddeln hier und Blattgold da, ohne handgeschmiedete Geländer und uralte Zieselierungen. Übergriffig fand sie das, erschlagend, einengend.

Doch jetzt, auf dieser ebenholzschwarzen Tanzbühne, zerbrach ihre minimalistische Attitüde, zerfiel in tausende Mosaikssteinchen, die sich geräuschlos zu einem fantastischen Bühnenbild choreografierten.

Foto: Deiji/Pexels

(nach einer Idee von Christine Kämmer / Adventskalenderschreiben)