Wer oder was bitte sind Senioren?

Wenn man den Bildern der Medien und den Websites der Regierung glaubt, sind Senioren weißhaarig, gut gebräunt und weich lächelnd resp. weißhaarig, verhärmt und mit Rollator. Senioren, sind das nicht die, die den Jüngeren die Arbeitsplätze wegnehmen, auf Kosten der nachfolgenden Generationen leben und dann auch noch ein neues Knie- oder Hüftgelenk haben wollen? Die, die alles besser wissen, aber keine Ahnung von Social Media haben? … weiterlesen →

Geht doch

Hamburg im Sommer. Nordischgrau und nicht wirklich warm. Wir machen uns Arbeit. Ich stelle eine Migrations-Produktionsliste zusammen und darf endlich wieder die Erbsenzählerin, die Wortklauberin, die orthografische Korinthenkackerin geben 😉

Zum besseren Arbeiten könne ich eine Sitemap gut gebrauchen. Nachfrage beim Konzepter F.

„Wo finde ich denn eine aktuelle Sitemap?“
F: „Was meinst du?“
„Die Sitemap, auf der alle Seiten drauf sind, um die Produktionsliste zu erstellen.“
F: „Äh, die aktuelle. Haben wir gerade, glaube ich, irgendwie nicht. Da musst du die, äh, ich glaube H. heißt sie, fragen. Die ist aber in München. Bis in welche Ebene?“
„Am besten bis in alle Ebenen, weil wir alle Seiten auflisten wollen um ihnen die Module zuzuordnen.“
F: „Da kannst auch in den Fachkonzepten gucken … es gibt ungefähr 700 bis 800 in den Auslieferungsordnern …“

Ich stehe vor der Wand mit einer Sitemap und Screenshots.
F: „Das ist nicht aktuell. Das ist ein alter Stand.“
„Wo finde ich aktuelle Screenshots?“
F: „Das weiß ich nicht. Frag doch mal S.“
Er geht mit mir zu S., die im Nebenraum von B1 und I. sitzt.
F: „Hast du aktuelle Screenshots? Das ist doch der Stand vom Usabilitytest, oder?“
S: Ja, der liegt in dem Ordner …. (rattert den Pfad runter). Ich schick ihn euch.“

Merkwürdig finde ich, dass so viele Leute schon so viele Konzepte geschrieben haben, dass es Unmengen an Ordnern gibt, dass seitenweise Screenshots an der Wand hängen – und trotzdem keiner so wirklich durchblickt. Frage ich S. nach der Bedeutung von „Connectivity“, verweist er mich an B1, der mich zu L. schickt, die aber leider noch nicht so im Thema drin ist und mich bittet, in München nachzufragen oder bei B2. Der ahnt zwar, was gemeint ist, ist aber nicht wirklich zuständig, „frag doch mal B1, der soll entscheiden.“

Kein Wunder, wenn das Projekt schon seit zwei Jahren läuft. Aber wie wir das bis Oktober hinkriegen sollen? Vier Texter/innen, mehr als 2.000 Seiten in drei Monaten? 700 Seiten p.P. 1 Seite = 1 Std = 700 Stunden = 87,5 Arbeitstage à 8 Stunden. Bis Oktober sind es aber nur noch 60 Werktage. Und wir haben immer noch keinen wirklichen Plan.

Ein Tag fast ohne Meeting. Erst um 13 Uhr – und dann auch nur kurz. Hat ja auch A. organisiert. Ich bin voll in meinem Element – eine Liste für 2.000 Dokumente.  Yeah. Das Mittagessen (ich hab noch ein paar meiner leckeren, dick machenden, selbst gebackenen Mandelmehl-Parmesan-italienische-Kräuter-Olivenöl-Kekse) hab ich im Liegestuhl im 19. Stock mit Blick über demvernebelten Hafen eingenommen. Und bin auf meine eigenen Vorurteile reingefallen, als neben mir ein junger Asiat mit Handy steht – und in feinstem Hamburger Dialekt zu schnacken anfängt. Ich hatte fest mit Englisch gerechnet.

Bei Spiegel online habe ich eine geniale Jobtitelmaschine gefunden. Berufsbezeichnungen, die in der Agentur wahrscheinlich gar nicht auffallen würden: Senior Agent Collaborative Operation, Senior Developer of Usability Functionality, International Manager of Domestic Solutions, Lead Accountant for Next Generation Configuration, Principal Engineer for Export Derivatives, Executive Manager of Virtual Engineering, Team Associate for Frictionless Project Management. Am besten gefällt mir „Vice Roadrunner of Junk and Trash Networking“.
In diesem Sinne …

 

Chaos delivern

Ich, die ich mich oft so heimatlos fühle, bin so froh, mein Laptop bei mir zu haben. Das fühlt sich an wie Zuhause. In diesem öden Hotelzimmer hab ich meine Musik, mein Facebook, meine Mails – wenn das mal nicht digital Home und digital Native ist. Und Multimediatasking oder Mediamultitasking kann ich auch. … weiterlesen →

Moin Moin

Seit gestern bin ich Texterin. In Hamburg. Bei einer großen Agentur. Der Kunde: ein Automobilhersteller. Meine Aufgabe: texten und die Migration der Onlineseite konzipieren. Vermutlich. Man  weiß es nicht genau.

Ich habe zusammen mit A. angefangen, die die Steuerung übernehmen soll ohne momentan genau zu wissen, was zu tun ist. Von gestern Morgen um 10.30 bis heute Abend um 18.30 waren wir fast ununterbrochen in Meetings: Briefingmeeting, Designmeeting, Textmeeting, Scrummeeting, Statusmeeting, Ressourcenplanung.

Ich habe gefühlte 100 Menschen kennen gelernt und kann mich gerade an die Namen der Texter/innen im Bismarck-Zimmer erinnern: B., der Textcoach ist, freundlich, aber völlig desineressiert an uns, C.: klein, freundlich, D., die freundliche Ghanaerin, die für die englischen Übersetzungen zuständig ist, E., der gemütliche dicke Redakteur. Auch er ist natürlich freundlich. Dann gibt es noch den anderen B., den Account Director, der Physik studiert hat, Vater von zwei Söhnen ist und mit seinem besten Freund alle Apple-Geräte hat, die es je gab. Ein gebürtiger Hamburger  und – natürlich freundlich.

F. aus Frankfurt, der einen ausgeprägten Hang zum Misanthropischen hat und alles eher negativ darstellt, aber total soft, du – Frauenverstehweichei der frühen 80er-Jahre. Mann, wie cool sind wir, dass wir alles so scheiße finden.

G., der ruppige Officedirector (ob der zweite Teil der Bezeichnung stimmt, bin ich mir nicht sicher). H., der Client Director, hat ein Einzelbüro, und zwinkert mir wie etwa 60 Prozent der Männer zu, wenn wir uns begegnen. Ich nehme es nicht persönlich. Ich glaube, die Hamburger machen das so, oder die Agenturmänner, oder die männlichen Mittdreißiger einer Hamburger Agentur. Ich sorge dafür (mit A.s Unterstützung) den Altersdurchschnitt extrem zu steigern. Ich glaube, das ist der Grund, warum mich viele von ihnen zuerst ansprechen, wenn es um Aufgaben geht (ich wirke älter als sie. *heul*.) Dabei ist sie doch die Chefin, kriegt ein Fünftel mehr Tagessatz, kassiert bei mir 10 Prozent Vermittlungsgebühr ab, kriegt eine Freifahrt pro Woche. Und ich nicht. *maul*. Anyway.

Ach ja, und dann gibt es noch G., den kleinen verheirateten Konzepter mit Glatze, der eine tolle Stimme hat. H., der nette Designer, der uns heute seine wunderbare (sicherlich gefakt, aber schön) persönliche BMW-Liebesgeschichte erzählt hat. I., die pummelige, blonde Projektleiterin, Schnellrednerin mit braunen Augen, einer interessanten Nase und unglaublich klar geschnittenen und geschwungenen Lippen. J., der dünne Textchef (noch einer?), kurze graue Haare, hat etwas leicht Permanent-Beleidigtes. Ist genauso ein Satzzeichen-Freak wie A. und ich. Und K. Der das Gruseln bekommt bei falscher Rechtschreibung und BinnenVersalien. Und anfangs nicht begeistert zu sein schien, dass wir auftauchen. Am Ende seiner gut einstündigen Präsentation des Klickdummies (den wir inzwischen drei Mal gesehen haben) schienen die Ressentiments gewichen zu sein. Von ihm kommt die Headline „More Lore, less Ipsum“. Er scheint die 40 auch schon weit überschritten zu haben, sieht zumindest so aus – aber das liegt vielleicht auch am Rauchen.

Den Namen des einen Admins – oder war es wer anders, von dem wir gegen 50 Euro Kaution unsere Eintrittskarte bekommen haben , hab ich vergessen. L. ist freundlich (was sonst), zwinkert mir jedes Mal zu (siehe oben) und ist  sehr hilfsbereit und redet – dabei ist er doch Admin.

Bisher schieben wir eher die Einzelkämpfernummer – und möglicherweise läuft das auch ein bisschen zwischen uns ab. A. ist ja als „Chefin“ gebucht, ich bin nur die kleine Texterin. Da müssen die Rollen ja mal klar gemacht werden – da kann sie mich nicht überall mithinnehmen (wollen).

Fazit der zwei Tage: zehn Seiten Handgeschriebenes bei den unendlichen Meetings, Lotus hassen gelernt, zwei Word-Dokumente geöffnet, eins geschrieben – und viel verdient. Ab Montag soll ich bis Ende September von montags bis freitags dort arbeiten und in HH sein.

Bin hin- und hergerissen: Hamburg ist toll, gestern war ich zwei Stunden spazieren (aua, meine Füße), aber das Hotel war grottig, ein Hotelzimmer kann auf Dauer nicht mein Zuhause sein, und meine Männer …*seufz*, sie fehlen mir, auch wenn ich die Alleinzeit sehr gut haben kann. Drei Monate, vielleicht sogar vier sind verdammt lang.

Und mein Schreibkurs, mein Yoga, meine Freundinnen, der Wissenschaftsladen – fällt alles erstmal flach. Sommer in Hamburg – klappt das bei einer Arbeitszeit von 9 bis 18 Uhr?

Aber: Hamburg, da wollte ich doch immer schon mal hin.